Eine schwerfällige und knorrige Tür öffnete sich Euch. Gerüche von altem Holz, diversen pflanzlichen Extrakten und verbranntem Stoff flogen Euch entgegen. Sprudelnde Flüssigkeiten und der sanfte Tanz von Phiolen aus Glas zogen die Aufmerksamkeit auf Euch. Ein Raum voller Chaos. Es war schwer zu verstehen, welche Struktur dahinter stecken sollte und wer sich hier überhaupt zurechtfand. Die morschen Fenster ließen nur bedingt die Sonnenstrahlen passieren. Überall wimmelte es von Pflanzen, die sich entlang den Wänden schlängelten. Regale mit den merkwürdigsten Zutaten schienen regelrecht vollgestopft zu sein. Gläser mit Flüssigkeiten und darin schwebenden Dingen, die wohl niemand freiwillig in die Hand nehmen würde. Die Maserungen an den Wänden zeigten die Arbeiten zahlreicher Holzwürmer und die Decke tat bereits den Anschein, als würde sie bald auseinanderfallen. Im hinteren Bereich des Raumes befand sich ein knorriger Baum ohne Blätter und Früchte. Als wäre er schon immer dort gewesen zogen seine Äste die Bahnen der Raumstruktur bis vor zum Eingang. Unterhalb standen gläserne Vitrinen mit bunten Federn von Vögeln. Einzelne Büschel unterschiedlichster Felle und getrocknete, ja schon verschrumpelte Beeren wurden daneben aufbewahrt. 

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Weiter vorne knisterndes Feuer und ein großer Kessel darauf. Die dunkle Brühe dampfte und brodelte vor sich hin. Jemand stand davor und verfeinerte den Inhalt mit diversen Kräutern, die sanft hinein schwebten und als leises Zischen aufgenommen wurden. Dieser Jemand trug einen schwarzen Seidenmantel, der auf dem staubigen Boden schliff. Mit der rechten Hand hielt er einen großen Stab, der mindestens genauso groß war wie er selbst. Behandeltes, dunkles Holz mit einer sich öffnenden Spitze. Die leuchtende Kugel darin schimmerte in angenehmen Licht. Verzweigte Äste umschlossen sie wie eine geöffnete Hand und ließen die Strahlen sanft in den Raum gleiten. Dann drehte sich der Mantel mit einem eleganten Ruck zur Seite und der Staub auf dem Boden wurde regelrecht aufgewirbelt. Ein faltiges Gesicht mit weißen Bart überblickte den Bereich vor sich. Es war Merpheus Kodai. Er war der Kräuterkundige der Garde und wohl am meisten mit der Natur verbunden. Wie in einem Klassenzimmer befanden sich dort vereinzelte Stühle und Tische. Wohl geordnet und aufgereiht war das wohl das ordentlichste Bild im Raum.

Auf ihnen saßen stumme Gestalten. Da waren zum einen zwei Grimmige, die unmittelbar nebeneinander saßen. Sie waren kleiner als der Rest und auch etwas dicker gebaut. Einer trug einen langen, buschigen Bart und sah alles andere als erfreut aus. Seine Augen verfolgten das Schauspiel des Brodelns kritisch und ein mürrisches Seufzen war zu hören. Die Beine baumelten in der Luft, da sie nicht zu Boden reichten. Die braune Kaufmannskleidung war viel zu eng und man sah wie die Knöpfe spannten. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich einer lösen und quer durch den Raum fliegen würde. Nebenan ein anderer Bärtiger, dessen Haare bereits ergraut waren und dessen Beine genauso in der Luft hingen. Die Kleidung war fast dieselbe und unterschied sich nur durch die Gelassenheit der Knöpfe und Schnüre, da sich der Stoff nicht um ihn spannte wie das Band einer Presswurst. Mit seinen Augen musterte er sämtliche Bereiche, da die Gesamtsituation neu für ihn war. Seine alten Hände lagen auf dem hölzernen Tisch und ließen einen Stein auf und abgleiten. Als sein Blick auf den dicken Nebenmann fiel, der niemand anderes als sein Zwergenbruder Sothrak war, stoppte er die Bewegung und bekam ein genervtes Seufzen zu hören. Sothrak verdrehte die Augen und grummelte unverständliche Worte in seinen Bart. Als ob es nicht schon genug gewesen wäre hier zu sein, musste er auch noch die Nervosität von Athrys ertragen. 

Ein Platz weiter hinten saß eine junge Frau. Ihrer Abstammung nach war sie mit den Elfen verwandt. Jedoch erkannte man die spitzen Ohren unter dem schwarzen Haar schwer. Ihr Körper war zwar etwas fester, aber durchaus athletischer Statur. Sie trug lederne Kleidung und bis zu den Knien geschnürte Stiefel. Den Kopf stützte sie mit einem Arm auf den Tisch ab und versank immer weiter in dieser Haltung. Der gelangweilte Gesichtsausdruck sprach für sich und das gelegentliche Tippen mit dem Stiefelabsatz trug nicht gerade zur Sothraks Entspannung bei. Es war Merpheus' Schwester Arrica, die wie die Zwerge aus einem bestimmten Grund hier Platz genommen hatte. Hin und wieder wanderten ihre Augen einen Tisch weiter. Dort saß in aufrechter Position und mit edlem Gewand ein Elf. Die Gesichtszüge und die Ohren verrieten sofort, dass er ein Reinblütiger war. Er war auch  der einzige, der in einer vernünftigen Position verharrte und stierte mit verschränkten Armen gen Merpheus. Arrica musterte den Elfen mit gerunzelter Stirn aber sprach kein Wort. Sein Name war Elleryn Duwath und schon seine edle Kleidung passte überhaupt nicht in das Bild. Man erkannte das Ziel der Perfektion von jenem, der es einst geschneidert hatte. Die Räumlichkeit hingegen glich einem regelrechten Chaos.

Mit hörbarem Knarren des Stuhles drehte sich Sothrak um. Eine plötzliche Gefühlseingebung war in ihn gekehrt und er wollte sich vergewissern wer noch alles anwesend war. Als dann sein Blick bei dem Elfen stehen blieb verdrehte er mit hörbarem Seufzen die Augen und drehte sich wieder um.

>>Auch das noch.<< Brummte er und schüttelte mit dem Kopf.

>>Passt Euch etwas nicht?<<

Trotz seines starren Blickes war Elleryn komplett im gegenwärtigen Augenblick. Die hochnäsige Stimme des Elfen fuhr dem Zwerg bis ins Mark, woraufhin er nur die Fäuste ballte und sich innständig versuchte zu beherrschen.

>>Warum um alles in der Welt habt Ihr uns hierher gebracht?<<

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Athrys nickte Merpheus zu und hob die Schultern um seine Ahnungslosigkeit anzudeuten, so als würde er nicht wissen was der Zweck dieses Treffens war. Aber Merpheus ließ sich nicht beirren und musterte jeden einzelnen bevor er Antwort gab.

>>Wie Ihr sicher wisst hatten wir vor wenigen Monden das Vergnügen über die Kunst der Alchemie zu sprechen. Und mit Begeisterung habt ihr eingewilligt daran teilzunehmen.<<

>>Ihr wisst schon, dass wir an diesem Tage den ein oder anderen Humpen zu viel hatten?<< Sothraks Stimme klang etwas ironisch und das hin und her Wackeln seines Kopfes unterstrich dies.

>>Wer konnte ahnen, dass Ihr es wörtlich nehmen würdet? Wir hatten das bereits vergessen.<<

Athrys tauschte mit seinem Bruder Blicke aus und aus dem Hintergrund ertönte eine müde Stimme, die sich bei der Gelegenheit ebenfalls zu rechtfertigen versuchte.

>>Und ich muss mich auf Anordnung meines Bruders Vaycor weiterbilden um mehr über Kräuter und Gifte zu lernen. Ich denke, dass ich mindestens genau so wenig Lust dazu habe wie ihr Saufköpfe.<<

>>He! Das habe ich überhört.<< Brummte Sothrak überrascht. Das war doch wahrlich keine Bezeichnung für einen Zwerg, der sich hin und wieder frisches Ale vom Fass gönnte.

>>Bei Euch macht es wenigstens Sinn.<< erwiderte Athrys und nickte ihr zu.

>>Sinn?<< Arricas Blick verdunkelte sich. >>Meine Kunst besteht darin, aus dem Schatten heraus das Ziel zu eliminieren. Nicht darin einen Tee zu kochen und ihn dafür einzusetzen, dass das Gift als schäumendes Überbleibsel aus dem Mund tritt.<<

>>Stellt Euch nicht so an.<< Elleryn schloss mit hochnäsigem Ton die Augen. >>Schließlich können wir alle dazulernen. Wer kann denn schon sagen, wie uns das im Leben bereichern wird?<<

>>Ja ja, auf Euren Kommentar haben wir gerade noch gewartet.<< Sothrak winkte spöttisch ab und grummelte vor sich hin. Auf die Worte eines Elfen gab er keinen Pfifferling.

Ein dezenter Schlag sollte dann alle Aufmerksamkeit auf Merpheus ziehen. Dieser schlug das Ende des Stabes hörbar zu Boden. Augenblicklich waren die vier verstummt. Das sanfte Brodeln von Kessel und Phiolen blieb im Hintergrund bestehen. Ein paar Sekunden verstrichen, bis Merpheus mit ruhiger Stimme das Wort ergriff.

>>Wer von euch kann mir zum Thema Alchemie etwas sagen? Was ist Alchemie für euch und wie beeinflusst es euer Leben?<<

>>Nun ja.<< Sothrak räusperte sich. >>Wenn sich mein Befinden nach ein paar Humpen zum Positiven verändert, dann hat mir Alchemie dazu verholfen mich besser zu fühlen.<<

>>Wie ich bereits sagte. Saufköpfe.<< Murmelte Arrica und Elleryn schüttelte genervt mit dem Kopf. Er mochte es nämlich gar nicht, wenn Situationen wie diese nicht den nötigen Respekt bekamen. Wobei er sich bei dem Zwerg gar nicht sicher war, ob dieser seine Wortwahl nicht doch ernst gemeint hatte.

Merpheus aber reagierte nicht darauf, sondern übergab das Wort an Athrys.

>>Die Arbeit mit der Runenkunde hat auch mit den alchemistischen Gesetzen zu tun. Zum Beispiel die zielgeführte Kontrolle von Feuer.<<

Daraufhin gab Arrica eine prompte Antwort.

>>Die Mischung von Giften.<<

>>Was ist mit Euch?<< Merpheus wandte sich an den Elfen, der mit einem tiefen Atemzug etwas weiter ausholen wollte.

>>Nun.<<

>>Ach du lieber Himmel. Er verlangt keine Bucharbeit von Euch.<< spottete Sothrak und erntete einen bösen Blick.

>>Die Zusammensetzung pflanzlicher Fasern für meine Schneiderei.<< 

Elleryns Worte waren barsch und klangen leicht gereizt. Dass dieser Zwerg ihn auch immer provozieren musste.

Merpheus sah anerkennend in die Runde und schrägte sein Haupt.

>>Wie ihr seht beeinflusst es jeden. An jedem Ort und zu jeder Zeit. Selbst jetzt wenn ihr nur dort sitzt und atmet fließt das Leben durch euch hindurch. Eure Lungen füllen sich mit der Luft und werden in euren Körpern umgewandelt. Alchemie handelt immer von Reaktion und Gegenreaktion.<<

Da mussten die Zwergenbrüder gleichzeitig nicken. Beide dachten wohl an ihre Reaktion auf so manchen Kampf. An ihre Aggression, wenn wieder ein Elf versuchte sie für dumm zu verkaufen.

Merpheus drehte sich um und öffnete einen kleinen, hölzernen Schrank. Mit vorsichtigem Handgriff holte er ein Pflänzchen heraus. Es hatte einen Stiel mit dunkelgrünen, spitzen Blättern. Er steckte in einem kleinen Behälter aus Baumrinde, der sowas wie einen Blumentopf darstellte. Die inneren Strukturen der Blätter schimmerten in orangen und gelben Tönen. Merpheus hielt das Pflänzchen vor das Licht seines Stabes und da das Grün so dünn war, sah man deutlich die Blattadern. Diese leuchteten in dunklem Violett und pulsierten in eigener Ruhe. Starre Blicke verdeutlichten das plötzliche Interesse der Anwesenden. Selbst Elleryn konnte in diesem Augenblick nicht sagen, um welche Pflanze es sich handelte.

>>Was ich in den Händen halte ist Nabkraut. Es wird für verschiedene medizinische Zwecke benötigt und ist seit vielen Monden unverzichtbar.<< 

Durch seine sanfte Stimme wirkte Merpheus noch mystischer, als er es ohnehin schon war. Natürlich hatten sie alle von Nabkraut gehört und es bestimmt schon in den Händen gehalten, jedoch konnte niemand sagen, weshalb diese Blätter in solch wundersamer Pracht schimmerten.

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>>Selbstverständlich ist es mir bekannt. Aber...<< Der Elf verstummte und versuchte sich einen Reim darauf zu machen. Mit nur ein paar Blättern war die langweilige Stimmung verflogen und auch Arrica stierte auf sie.

>>Ich bin mir sicher, dass ihr bereits mit diesem Kraut zu tun hattet. Aber wer die Zusammenhänge des Lebens erkennt und seine Umgebung aus anderen Perspektiven wahrnimmt, der fühlt die Natur und hat die Ehre an ihr teilhaben zu dürfen.<<

Für die Zwergenbrüder gab es wenig, was für sie von Interesse war. Die herrlichen Berge und die Bauten ihrer Vorfahren waren in der Regel das was sie mit Stolz erfüllte. Doch die Tatsache, dass sie durch diese Pflanze den Puls des Lebens aus dieser Sicht wahrnehmen durften, ging nicht spurlos an ihnen vorbei. Solch große Augen hatten sie selbst dann nicht, wenn sie eine neue Mine im Berge fanden.

Mit schier geräuschlosen Schritten trat Merpheus an Arricas Tisch. Während seine Hand das Leben in ihre Richtung trug, spiegelte sich das violette Pulsieren in ihren gläsernen Augen. Dieser Moment von Zerbrechlichkeit und Unschuld war nun wie eingefroren. Sie hätte in diesem Augenblick nicht einmal im Traum daran gedacht, die zarten Blätter und den dünnen Stiel zu berühren. Die Farben pulsierten in ganzer Pracht. Sanft und ruhig im eigenen Fluss. Und dabei wirkte das Pflänzchen so schutzlos wie ein Blatt im Wind. Nur die sanften Worte seiner Stimme zogen sie ein Stück heraus aus dem Bann.

>>Kannst du das spüren? Wie das Leben seinem eigenen Rhythmus folgt? Wie zart und wunderschön es ist?<<

Arrica schluckte schwer, als er sanft einen Schritt zurückwich und das Pflänzchen mit nahm. Diese emotionelle Flut kam unerwartet und passte eigentlich nicht in den Moment hinein. Elleryn und die Zwerge teilten aber ihre Gefühle und es fiel ihnen ebenfalls schwer zu atmen. Worte konnten diesen Moment nicht beschreiben, also schwiegen sie. Merpheus stand wieder vor dem Kessel, dessen Brodeln erst jetzt wieder wahrnehmbar war.

>>Im Wurzelreich liegt ein Mondstein der sich mit dem Nabkraut in vollem Umfang ergänzt. Ihr seht selbst welche alchemistischen Prozesse in euren Körpern entbrannt sind.<<

>>Ich habe so etwas noch nie gesehen.<< Flüsterte Arrica und dabei hatte sie einen Kloß im Hals. Sie fragte sich, wie ihr Bruder es schaffte mit diesem Pflänzchen die komplette Raumenergie so drastisch zu beeinflussen. Das Empfinden von allen wurde binnen Sekunden schlagartig verändert.

Mit einem Lächeln stand er nun dort vorne und fing ihre Blicke ein. 

>>Die Auswirkungen emotionaler Prozesse sind gewaltiger als wir uns vorstellen können. Deshalb ist es wichtig sie bewusst wahrzunehmen und nicht gegen sie anzukämpfen. Nehmt sie als das wahr was sie sind. Emotionen sollten nicht euch kontrollieren, sondern ihr eure Emotionen. Und hier fängt Alchemie an...<<