»Und? Wie ist die aktuelle Lage, Stephan?« Der Angesprochene starrte ihn an und zuckte die Schultern. »Seit Tagen liegt sie einfach nur regungslos in der Ecke.« »Du weißt, dass sie womöglich sehr gefährlich ist. Es ist daher notwendig, dass sie im Kellertrakt verbleibt.« Stephan Jenkins, bekannt für seine vorausschauende Arbeitsweise,
erwiderte nichts. Aufgrund jahrelanger Erfahrung galt der Forscher als Koryphäe in der Gentechnologie. Lange Zeit sammelte er – insgeheim und nicht immer auf ganz legalem Wege – Informationen aus allen Bereichen der Stammzellenforschung.
Stephan, stets glatt rasiert, trug sein schwarzes Haar schulterlang. Seine sportliche Statur wirkte ein wenig hager. Eine Tätowierung auf seinem linken Arm zog sich elegant bis zu seiner Hand. Sie zeigte Figuren, die an Fabelwesen erinnerten: Ein Zwerg mit Streitaxt, dessen Bart zur Hälfte einen Elfen verdeckte, dessen spitze Ohren wiederum im Schwanz eines Drachen mündeten. Es war ein außergewöhnliches Bild. Stephan Jenkins besaß schon immer eine Schwäche für diese Art fantastischer Geschichten und Wesen.
Er trat nun näher zu dem anderen Mann – Matt Williams. Als Wissenschaftler in den Fachgebieten Astronomie und Gentechnik hatte der sich gemeinsam mit seinem Kollegen Scott Luskin bereits einen Namen gemacht. Wie Stephan forschten beide ebenfalls im Geheimen.
»Matt, Du kennst mich und meine Arbeit ...« Sein Kollege unterbrach ihn lächelnd. »... und weiß beides zu schätzen.« »Die Kleine ist mir unheimlich«, fuhr Stephan fort, »Warum bewegt
sie sich nicht? Sie starrt mich nur an. Wann isst sie etwas?« Matts Blick richtete sich nachdenklich auf den Boden. Seine Frisur – sehr kurze, blonde Haare – erinnerte an das klassische Bild eines Soldaten. Seit er damals den militärischen Forschungszweig wählte, behielt er ihn bei. Matt wirkte trainiert. Gesundheitsbewusst legte er
Wert auf ausgewogene Ernährung und viel Sport. Williams und Luskin bildeten seit einigen Wochen gemeinsam mit
Jenkins ein spezielles und insgeheimes Forschungsteam für den Bereich Stammzellenforschung und neues Leben. Stephan suchte nach Inspiration. Er wollte immer weiter hinaus – reizte die Grenzen aus, soweit auf seinem Fachgebiet nur machbar. Und als er an einem kalten Wintertag außerhalb der Stadt spazieren ging, fand er sie.
Spät abends, mitten auf einer Waldlichtung, an einen bemoostem Baumstumpf gelehnt. Schneebedeckt, mit vor Kälte bläulicher Haut und bekleidet mit einer halb zerfetzten Baumwollrobe, starrte das Mädchen geradeaus in die Leere.