»Du musst etwas trinken.«
Stephan hoffte auf eine Reaktion, denn für die Dauer eines kurzen Moments schaute sie hinab. Dann glitt ihr merkwürdig eiskalter Blick wieder zu seinem Gesicht.
Enttäuscht erhob sich Stephan nach einer Weile, nahm Riegel und Wasserglas auf, und verließ – noch einmal besorgt zurückschauend – zögerlich den Raum. Das Geräusch der sich schließenden Zellentür
hallte im Korridor. Stephan blickte durch das kleine Sichtfenster. Ihre Augen fixierten wieder den Eingang. Aber irgendwie wirkte es, als schaue dieses Mädchen eigentlich in die Leere. Bisher konnte weder ihre Identität in Erfahrung gebracht werden, noch was sie plante – falls sie etwas plante. Alles sie Betreffende schien bislang völlig unergründlich.
Wieder im Aufenthaltsraum traf Jenkins auf Matt und Scott, die sich dort am Tisch sitzend Auswertungsberichte der vergangenen Tage ansahen. Stephan deponierte Glas und Müsliriegel auf dem Tresen und schritt zur Kaffeemaschine. Matt räusperte sich im Hintergrund.
»Immer noch nicht?« Stephan schüttelte leicht den Kopf. Mit gesenktem Blick setzte er sich mit einem Kaffeebecher zu seinen Kollegen an den Tisch.
Scott musterte ihn aufmerksam. Er trug sein braunes, leicht gewelltes Haar schulterlang und besaß eine außergewöhnlich große, schmale Statur. Stand er, erweckte es fast den Anschein, als bilde der weiße Kittel ab den Schultern eine gerade Linie bis zum Saum. Eine dieser beneidenswerten Personen, die alles in Mengen essen durften, ohne dabei auch nur ein einziges Gramm zuzulegen.
Für seine schmächtige Gestalt besaß Scott eine überraschend tiefe Stimme, die beim ersten Kontakt mit ihm verwunderte. In seiner tiefen Tonlage wandte er sich nun an Stephan.
»Die Kleine ist immer noch ein Rätsel, was?« Stephan nickte seufzend. »Rätsel hin oder her, aber sie nimmt seit Tagen nichts zu sich. Und
das Seltsame – es scheint ihr nicht im Geringsten etwas auszumachen.«
»Und außerdem rührt sie sich nahezu überhaupt nicht«, ergänzte Matt. Seine Stimme senkte sich fast zu einem Flüstern.
»Ihre wenigen Bewegungen scheinen geradezu exakt überlegt. Und dieser starre Augenausdruck – schon fast paralysierend.«
Stille trat ein, in der Stephans Kollegen stumm auf die vor ihnen ausgebreiteten Unterlagen blickten. Jenkins erhob sich seufzend und verließ mit seinem Becher den Raum, bevor jemand ihm unbequeme Fragen stellen konnte. Besorgt blickten seine Kollegen ihm nach.